Signet Graal-Müritz

Graal-Müritz — das Ostseeheilbad mit Tradition

2. internationales literaturfestival graal-müritz

22. bis 27. September 2026

Sechs Tage Prosa, Lyrik, Graphic Novel. Stimmen aus dem Baltikum, aus Skandinavien, aus Polen, aus Deutschland. Lesungen und Gespräche mit den Autorinnen und Autoren – über das, was sie schreiben, und über die Fragen, die sich daraus stellen.

Für alle, die lesen. Für die Region. Für junge Leserinnen und Leser, für Schülerinnen und Schüler Mecklenburg-Vorpommerns.

Warum Graal-Müritz?
Graal-Müritz, ein Ort der Ruhe und der Reflexion, an dem sich Wald und Meer begegnen, ist tief mit literarischer Tradition verwoben. Diese einzigartige Naturlandschaft hat zahlreiche Schriftsteller inspiriert: Franz Kafka lernte hier 1923 seine letzte große Liebe Dora Diamant kennen. Bereits in den 1910er-Jahren verbrachten Hans Fallada und Erich Kästner mit ihren Familien Zeit in Graal und Müritz – damals noch zwei getrennte Orte. Auch die Eltern von Walter Kempowski begegneten sich hier, und Uwe Johnson setzte dem Ort in seinen »Jahrestagen« ein literarisches Denkmal. Autorinnen und Autoren wie Robert Musil, Alfred Kerr und Kurt Tucholsky schätzten Graal-Müritz als Rückzugsort – ihre Werke spiegeln diese Verbindung eindrücklich wider.

Urheberangabe / Fotos: Ali Ghandtschi | ghandtschi.de

Aktuelle Pressemitteilung · Mai 2026

Literatur an der Ostsee – ilgm 2026


Graal-Müritz, Mai 2026 – Vom 22. bis 27. September 2026 lädt das 2. internationale literaturfestival graal-müritz (ilgm) erneut zu einer außergewöhnlichen Woche der Literatur, des Dialogs und der internationalen Begegnung an die Ostseeküste ein. Nach dem erfolgreichen Auftakt im vergangenen Jahr knüpft die zweite Ausgabe an die Idee eines offenen, europäischen Literaturraums an, geprägt von literarischer Vielfalt, gehaltvollen politischen Gesprächen und künstlerischer Freiheit.

Organisiert durch den Träger Bebelplatz e.V. in Kooperation mit der Tourismus- und Kur GmbH (TuK) des Ostseeheilbades Graal-Müritz, wird das Festival u.a. gefördert von der Jan Michalski Fondation, der Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit und dem Landkreis Rostock. Die Veranstaltungen finden in Graal-Müritz im Haus des Gastes, im Konzertpavillon im Rhododendronpark sowie in der Lukaskirche statt. Festivalleiter ist wie im Vorjahr Ulrich Schreiber.

Eröffnung und internationale Stimmen der Gegenwartsliteratur

Den Auftakt gestaltet der algerisch-französische Schriftsteller Boualem Sansal mit der Eröffnungsrede am 22. September im Haus des Gastes. Sansal, seit Januar 2026 Mitglied der Académie française und Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2012, steht exemplarisch für das programmatische Herzstück des Festivals: Literatur als Medium des politischen und kulturellen Dialogs. Die Moderation übernimmt Iris Radisch.

Aus der Ukraine kommen zwei der wichtigsten Gegenwartsstimmen: Andrei Kurkov liest aus seinem dritten Tagebuch über das Leben während des Krieges sowie aus seinem jüngsten historischen Kriminalroman. Juri Andruchowitsch liest Essays aus »Der Preis unserer Freiheit« und Gedichte aus »Briefe in die Ukraine«. Zudem präsentiert er die vielbeachtete Ukrainische Bibliothek, eine achtbändige Buchreihe mit Werken aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Die im Berliner Exil lebenden belarussischen Autoren Julia Cimafeeva und Alhierd Bacharevic sind zu Gast. Cimafeeva liest Gedichte, die sich mit Exil, Sprache und Erinnerung auseinandersetzen. Bacharevic präsentiert »Golem aus Papier«.

Der österreichische Dichter und Essayist Raoul Schrott liest aus seinem »Atlas der Sternenhimmel« sowie aus seinem neuen Buch »Zeitgeist«. Die tschechische Schriftstellerin Radka Denemarkova präsentiert ihren bald erscheinenden Roman »Schokoladenblut« sowie »Stunden aus Blei«. Die polnische Bestsellerautorin Dorota Maslowska liest aus ihrem neuen Roman »Im Paradies« – es moderiert ihr Übersetzer Olaf Kühl.

Völkerrecht, Geschichte und deutsch-polnische Beziehungen

Die Berliner Völkerrechtlerin Prof. Dr. Heike Krieger (Freie Universität Berlin) hält einen Vortrag über die aktuelle Rolle und Bedeutung des Völkerrechts angesichts globaler Konflikte mit Blick auf den Ukraine-Krieg und geopolitische Debatten wie die um Grönland und Kuba. Die Moderation: Ulrich Schreiber.

Die polnisch-deutsche Autorin Karolina Kuszyk stellt ihr vielbeachtetes Buch »In den Häusern der anderen: Spuren deutscher Vergangenheit in Westpolen« vor. Zum Abschluss spricht der Filmemacher und Autor Hans-Jürgen Syberberg (Nossendorf, Mecklenburg-Vorpommern) über sein Werk und die literarische wie filmische Auseinandersetzung mit der Nachkriegszeit in der Region.

Kinder-, Jugend- und Bilderbuchliteratur

Das Festival richtet sich ausdrücklich auch an junge Leserinnen und Leser – von Vorschulkindern bis zu Jugendlichen. Maren Amini liest aus ihrer Graphic Novel »Ahmadjan und der Wiedehopf«, die auf sensible Weise Fragen von Herkunft und Identität erkundet. Kat Menschik präsentiert zwei ihrer Werke und spricht über das Zusammenspiel von Bild und Text – hier moderiert Wolfgang Hörner. Jens Rassmus gestaltet Lesungen und Werkgespräche zu seinen Büchern für Kinder und Jugendliche. Dirk Reinhardt liest aus »Perfect Storm« und seinem Jugendroman »No Alternative«, der sich mit politischen Bewegungen und gesellschaftlichem Engagement auseinandersetzt.

Retrospektive 2025

Portraits – Stimmen des 1. ilgm


Sieben Begegnungen aus der ersten Ausgabe des internationalen literaturfestivals graal-müritz: Autorinnen und Autoren, die im Spätsommer 2025 das Ostseeheilbad zu einem Ort des literarischen Dialogs gemacht haben.

Ermutigender Auftakt von Literaturfestival in Graal-Müritz

In das heute gut 4.000 Einwohner zählende Ostseeheilbad Graal-Müritz zog es schon immer Literaten. Dazu gehören Franz Kafka (1883–1924), Erich Kästner (1899–1974), Walter Kempowski (1929–2007) oder auch Uwe Johnson (1934–1984), die ihre Eindrücke auch in ihren Werken verarbeiteten. Vom 29. August bis zum 2. September 2025 ist Graal-Müritz Schauplatz des 1. Internationalen Literaturfestivals, an dem rund 30 Schriftstellerinnen und Schriftsteller teilnahmen.

Sie kommen auf Einladung von Ulrich Schreiber, einem der umtriebigsten Literatur-Manager dieser Zeit. Er ist auch Begründer des renommierten Internationalen Literaturfestivals Berlin, das 2001 zum ersten Mal über die Bühne gegangen ist.

Dabei wurde ihm die Literatur nicht in die Wiege gelegt, denn der gebürtige Solinger sollte eigentlich den elterlichen Baubetrieb übernehmen. »Ich habe mit 14 eine Maurerlehre angefangen und anschließend sechs Semester Bauingenieur-Wesen in Wuppertal studiert«, sagt der 74-Jährige. Doch dann kam der Bruch. Er wollte doch nicht das Geschäft übernehmen und nahm stattdessen an der FU Berlin ein Studium der Philosophie und Politik auf, später kam noch Russisch dazu. Zusammen mit Leuten wie dem Theologieprofessor Helmut Gollwitzer oder dem Philosophen und Verleger Wolfgang Fritz Haug gründete er 1980 die Berliner Volks-Uni.

Später begann dann die Kulturarbeit und die Beschäftigung mit der internationalen Literaturszene. »Irgendwann tauchte die Frage auf, warum es in Berlin kein Literaturfestival gibt«, berichtet Schreiber. Nach mehreren Jahren Vorbereitung und der Zusage der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, ab 2001 das Festival zu fördern, begann für Schreiber das erfolgreiche Wirken. Das endete erst im Jahr 2023 mit seinem Rücktritt als Direktor. »Mehr als 3.600 Gäste aus 123 Ländern kamen nach Berlin«, sagt er stolz. Daneben fand er noch die Zeit, 2007 ein Literaturfestival in Mumbai oder 2015 das Internationale Literaturfestival im ukrainischen Odessa zu gründen und half 2005 Salman Rushdie, das Festival »World Voices« in New York zu gründen.

Nun also Graal-Müritz: Bei einem Besuch vor wenigen Jahren stellte er sich die gleiche Frage wie in den 1990er Jahren in Berlin: »Warum gibt es eigentlich kein Literaturfestival in dem Ostseeheilbad?« Denn Graal-Müritz bietet viel von dem, was die meisten Schriftstellerinnen und Schriftsteller brauchen. »Es ist die Entschleunigung, der Wald, die gute Luft, der Strand, das Meer, die Ruhe«, ist Schreiber überzeugt. Der Zuspruch der Autorinnen und Autoren gibt ihm recht. »Es ist ein großer Erfolg, dass diese Schriftstellerinnen und Schriftsteller herkommen. Das ist nicht selbstverständlich, denn Graal-Müritz liegt weit entfernt von den Metropolen.«

Ermutigend ist auch der Zuspruch der Besucherinnen und Besucher, die in hoher Zahl das literarische Angebot annehmen. »Die Veranstaltungen und die Treffen von allen Beteiligten außerhalb des offiziellen Programms bieten die Inspiration und die Basis für das nachhaltige Wirken der Schriftstellerinnen und Schriftsteller.« Deshalb blickt Schreiber optimistisch auf die kommenden Ausgaben des Internationalen Literaturfestivals Graal-Müritz.

Weitere Informationen: www.bebelplatz.org

Ein großer Dank an die Literatur

Azouz Begag, Soziologe, Wirtschaftswissenschaftler, Schriftsteller und Ex-Minister der Französischen Republik, begegnete vor etwa fünf Jahren dem damals 20-jährigen Mamadou Sow zum ersten Mal in einer Schule in Lyon. Dort wollte er Kindern die Kunst der Schriftstellerei beibringen. Das Projekt mit Jugendlichen stand unter dem Motto »Raconte-moi ta vie!« (Erzähl mir dein Leben).

Als 15-Jähriger war Mamadou in seiner Heimat Guinea aufgebrochen, um in Lyon, wo ein Cousin wohnte, Medikamente für seinen krebskranken Vater zu besorgen. Die Flucht führte ihn rund 10.000 Kilometer durch den afrikanischen Kontinent und Italien nach Frankreich. Seinen Pass hatte er zerrissen, denn ohne Pass kann man nicht abgeschoben werden. Es folgte eine unglaubliche, unwirkliche Odyssee mit unendlich vielen lebensgefährlichen Situationen auf vollgepferchten Lastwagen oder seeuntauglichen Booten auf dem Mittelmeer.

Als Lehrer im Literaturunterricht war es Begags Aufgabe, seine Schüler dazu zu bringen aufzuschreiben, was ihnen auf dem Herzen lag. Nach einer solchen Flucht durch unvorstellbare Widrigkeiten sollte doch eigentlich alles aus einem herausplatzen. Aber Sow sagt: »Es ist nicht die Art von uns Afrikanern, uns zu erklären.« Begag berichtet: »Dabei sollte es doch eine Befreiung sein. Das Herz ist übervoll. Aber es ist nicht einfach. Die Menschen schämen sich, Opfer zu sein.«

Doch nach ein paar Wochen sei Mamadou Sow gekommen und habe gesagt: »Monsieur, ich habe viele Dinge zu erzählen.« Und er begann, von seiner Heimat und seiner Flucht zu berichten. Am Ende lag das fertige, inzwischen auch preisgekrönte Buch »Né pour partir« (Geboren, um zu gehen) vor, für das Begag nach eigener Aussage als Sprachrohr diente.

Das Buch ist ein Appell gegen Gleichgültigkeit und für Mitmenschlichkeit. Begag, selbst erfolgreicher Autor von Kinder- und Jugendbüchern, sagt, dass er Sow ohne Papiere und ohne Zukunft, aber mit großer Vergangenheit und großen Träumen angetroffen habe. »Es war meine Arbeit, ihn zum Reden zu bringen. Heute ist er Schriftsteller, hat einen Pass, eine Frau, ein Kind – Dank der Literatur.«

Für Azouz Begag, in Lyon als Kind algerischer Einwanderer geboren, ist es eine Herzenssache, sich um die Geschichte der Migration und der betroffenen Menschen zu kümmern und darüber zu berichten. Im Gegensatz zu Autoren wie Franz Kafka, Erich Kästner oder Hans Fallada bietet die vergleichsweise reiche Ostseeregion für den heute 68-Jährigen keine kreative Atmosphäre. »Ich kann in Graal-Müritz nicht schreiben, es ist zu komfortabel. Ich würde den ganzen Tag verschlafen.« Die Landschaft, das Meer und der Wald seien einfach zu schön. Er müsse mit Menschen zusammen sein, die um ihre Existenz kämpfen müssen. »Ich bin arm geboren, ich liebe die Geschichte der Armen. Ich muss die Armut sehen und mit den Armen sprechen – jeden Tag.«

Azouz Begag und Mamadou Sow: »Né pour partir«, ISBN 978-3-12-592364-5

Mit Messer und Gabel Kafkas Kosmos erschlossen

Es gibt wohl wenig passendere Orte als Graal-Müritz, um das im August 2025 erschienene »Kafkas Kochbuch – Franz Kafkas vegetarische Verwandlung in 544 Rezepten« vorzustellen. Denn der schwer an Tuberkulose erkrankte Dichter (1883–1924) lernte im Sommer 1923 an der Ostseeküste seine letzte große Liebe, Dora Diamant, kennen.

Für den Journalisten, Literaturkritiker und vielfachen Buchautor Denis Scheck ist Kafka der wichtigste Autor in seinem Leben. »Aber der Weg zu ihm war lang«, gesteht er. »Man muss reif werden für Kafka.« Das bisherige Ende dieses Weges bildet nun das 448 Seiten umfassende Kochbuch mit leckeren Rezepten für Rotrüben- und Rapünzchensalat, Risi-Pisi, Spargel-Pudding oder gebackenen Pastinak.

Der gastroaffine Literaturkritiker und seine Co-Autorin, die langjährige Freundin und Ärztin Eva Gritzmann, hatten eigenen Angaben zufolge in der dreibändigen Kafka-Biografie von Reiner Stach in einem Nebensatz einen winzigen Hinweis auf das vegetarische Kochbuch Kafkas gefunden. »Was für Heinrich Schliemann Troya war, war für uns dieses Kochbuch«, berichtet Scheck. »Das hat uns sofort elektrisiert.«

Kafka war nach dem Staatsexamen Anfang des 20. Jahrhunderts von seinen Eltern in das mondänste Sanatorium des damaligen wilhelminischen Kaiserreichs, Dr. Lahmanns Sanatorium in Dresden, geschickt worden. Am Ende des Aufenthalts bekam er das »Hygienische Kochbuch zum Gebrauch für ehemalige Kurgäste« von Elise Starker geschenkt. »Wir haben es gelesen. Es liest sich so frisch, als hätten die heutigen Köche Yotam Ottolenghi oder Jamie Oliver es gestern geschrieben«, schwärmt Scheck.

Um »Kafkas Kochbuch« entspannen sich viele Geschichten, die der medienaffine und wortgewandte Schwabe Scheck zum Besten gibt. So habe er als Kind eine besondere Liebe zu Jules Vernes Romanen entwickelt – alle in rotes Leinen gebunden mit Goldaufdruck. »Es hat unsere kühnsten Erwartungen übertroffen, dass der Klett-Cotta-Verlag bei unserem Wunsch mitgegangen ist und das Kochbuch nun auch so eingebunden ist.«

In Kafkas Kochbuch sind die Rezepte aus dem weit mehr als 100 Jahre alten Dresdner Kochbuch komplett reproduziert. Es ist zudem angereichert mit Auszügen aus Kafkas Werken, alle Bezüge zu Essen und Trinken sind verewigt. »Man lernt durch dieses Buch einen völlig anderen Kafka kennen. Wir haben uns mit Messer und Gabel Kafkas Kosmos erschlossen.« Viele Rezepte sind wie im Original abgedruckt, auch wenn manche Zutaten inzwischen obsolet sein sollten. Nur bei den überlangen Garzeiten für Gemüse hätten Gritzmann und er eine Ausnahme gemacht.

Die Affinität Kafkas zum Vegetarismus könnte darin liegen, dass sein Großvater Metzger war und sein Vater Fleischspeisen liebte. In einem Brief schrieb der Dichter: »Ich muss um so viel weniger Fleisch essen, wie er geschlachtet hat.« Er habe das Essen als Waffe im Kampf mit der elterlichen Generation benützt. »Es gibt also eine Schuld, die er durch sein Essverhalten abtragen musste«, analysiert Scheck.

Denis Scheck und Eva Gritzmann (Hrsg.): »Kafkas Kochbuch. Franz Kafkas vegetarische Verwandlung in 544 Rezepten«. Klett-Cotta, Stuttgart 2025, ISBN 978-3-608-96665-7

»Wir stehen auf der richtigen Seite der Geschichte.«

Seit 2018 lebt der Journalist und Schriftsteller Sergej Lebedew in Potsdam im Exil. Lebedew, der als einer der bedeutendsten und produktivsten Schriftsteller aus Russland gilt, ist ein genauer Beobachter des Lebens in seinem Heimatland. Aber obwohl Moskau nur gut 1.700 Kilometer Luftlinie entfernt ist, ist sie doch unerreichbar für ihn.

»Schon seit langem kann ich nicht mehr ruhig schlafen«, sagt der 44-Jährige. Das ist für ihn kein neuer Zustand. Angefangen habe das vor 20 Jahren mit der Recherche über russische Kriegsverbrechen in Tschetschenien. Ins Detail geht er bei einer Lesung im Pavillon des Graal-Müritzer Rhododendron-Parks nicht. Doch seine Zuhörerinnen und Zuhörer ahnen, dass schreckliche Bilder Lebedew beschäftigen.

»Sergejs Eltern sind Geologen«, sagt ein Freund Lebedews. Er grabe in der Vergangenheit. »Er findet Leichen im Keller der Geschichte.« Diese Form der Aufarbeitung ist in Russland alles andere als selbstverständlich.

Es ist darüber hinaus auch lebensgefährlich, in Russland regierungskritisch aufzutreten, berichtet Lebedew, der sehr schnell die deutsche Sprache erlernt hat. Die, die es dennoch wagen, werden verfolgt, landen im Gefängnis oder sterben unter mysteriösen Umständen.

Viele Menschen, darunter auch viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller, verließen ihr Heimatland und leben nun im Exil. 25 seiner Kolleginnen und Kollegen gab Lebedew als Herausgeber des Buches »Nein! Stimmen aus Russland gegen den Krieg« eine Plattform. Ihre Geschichten, Gedichte oder Essays zeigen die kulturelle Vielfalt, die Russland früher ausmachte und heute nicht mehr zum Ausdruck kommen kann. »Ich bringe die Menschen und ihre Geschichten zusammen«, sagte Lebedew. Viele junge Autorinnen und Autoren sind darunter. »Das Buch ist ein Porträt der jungen Generation in Russland.«

Die Kriege wie die in Tschetschenien oder der Ukraine sind nach Lebedews Ansicht Kolonialkriege. »Der authentische wahre Befreiungskampf gegen Hitlers Armeen und den Nationalsozialismus wird heute als Lüge verwendet, um den Überfall auf die Ukraine und den Krieg zu rechtfertigen.« Dazu komme, dass die meisten der mehr als 150 verschiedenen Völker und ethnischen Gruppen innerhalb der russischen Föderation sehr arm sind. »Sie schicken die Soldaten aus Geldgründen. Die Menschen sind Rohmaterial.« Kleinste Völker würden dadurch ausgelöscht. »Ich möchte den Schriftstellern aus den kleinen Völkern eine Stimme und die Möglichkeit geben, in ihrer Sprache zu schreiben.«

Lebedew weiß, dass die Literatur eine ureigene Kraft hat. »Es entwickelt sich ein geheimes Netzwerk von Leserinnen und Lesern.« Wenn sie die Romane gelesen haben, teilen sie sie mit anderen zuverlässigen Menschen. Lebedew, seine Kolleginnen und Kollegen und ihre Leserinnen und Leser wollten eines zeigen: »Wir stehen auf der richtigen Seite der Geschichte.«

Doch sehr optimistisch klingt Lebedew nicht, wenn er über das Russland nach Wladimir Putin spricht. »Danach kommt eine unendlich harte Zeit der Aufarbeitung der Verbrechen aus der Stalin-Zeit, der sowjetischen Zeit und der Putin-Diktatur«, ist er überzeugt.

Auch in seinem jüngst erschienenen Buch »Die Beschützerin« macht Lebedew deutlich, dass er derzeit nur geringe Chancen auf eine baldige und friedliche Wende in seiner Heimat sieht. »Die Beschützerin« ist ein europäischer Roman über die Vorgeschichte des Ukraine-Kriegs nach dem Abschuss des Malaysia-Airlines-Flugs 17 am 17. Juli 2014 über dem Donbas. Dort lebt die junge Zhanna mit ihrer Mutter und Beschützerin Marianna. In poetischen Bildern erzählt Lebedew vom Schmutz, der bleibt, und dem Bösen, das nie verschwindet.

Sergej Lebedew: »Die Beschützerin«, 256 Seiten, Verlag S. Fischer, ISBN 978-3-10-397521-5, 26,00 Euro
Sergej Lebedew (Hg.): »Nein! Stimmen aus Russland gegen den Krieg«, 384 Seiten, Rowohlt Buchverlag, ISBN 978-3-498-00743-0, 28,00 Euro

Liao Yiwu vermisst seine Heimat, liebt aber Eisbein

Es sind für mitteleuropäische Ohren verwirrende Töne, wenn der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu mit seinen Klangschalen und seiner durchdringenden Stimme seinen Emotionen freien Lauf lässt. Er gibt keine Erklärung über deren Bedeutung und lässt seine Zuhörerinnen und Zuhörer damit alleine. Doch letztlich gibt es keine Zweifel: Diese Musik ist Ausdruck von Verzweiflung und Schmerz.

Emotionen, die in seinen Büchern, wie im 2025 erschienenen Buch »18 Gefangene – Fluchtgeschichten aus China, dem größten Gefängnis der Welt« ihren Widerhall finden. Liao Yiwu, der von 1990 bis 1994 selbst im Gefängnis saß, schildert darin die Erlebnisse von 18 Gefangenen, die in vergangenen Jahrzehnten inhaftiert waren. Der Träger des Geschwister-Scholl-Preises (2011) und des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels (2012) will den Vergessenen ihre Stimmen zurückgeben. Und diese sind ausdrucksstark und aufwühlend.

Seine Mitgefangenen sind nicht nur politische Häftlinge wie er. Sie stammen aus allen gesellschaftlichen Schichten und wurden als Kriminelle oder religiös Verfolgte inhaftiert. Liao Yiwu drückt sich nicht vor Grausamkeiten und schildert sie in verstörenden Details. Er möchte den Menschen im Gefängnis ihre Würde zurückgeben und betrachtet sich als Chronist der Gewalt, die sein Staat ausübt. Gleichzeitig habe das Schreiben ihn entlastet und entgiftet, sagt er.

Ausgangspunkt seiner Knasterfahrung waren die Ereignisse auf dem Tian’anmen-Platz in Peking am 4. Juni 1989. Nach monatelangen Protesten der chinesischen Demokratiebewegung schritt das Militär mit Panzern ein. Was damals genau geschah, ist historisch nicht endgültig aufgeklärt. Die chinesische Regierung schweigt die blutige Niederschlagung der Studentenproteste tot. Wie viele Menschen in jener Nacht starben, ist unbekannt. Die Schätzungen liegen zwischen mehreren Hundert und 3.000.

Liao Yiwu berichtet, dass er direkt anschließend das Gedicht »Massaker« mit all den grauenhaften Einzelheiten geschrieben und dann mit einem Kassettenrekorder aufgenommen hat. »Über Freunde wurde dieses Gedicht in ganz China verbreitet.« Monate später wurde ihm der Prozess gemacht. »Mir wurde gesagt, dass ich viel Glück gehabt habe. Denn wenn ich schon früher als Autor entdeckt worden wäre, wäre ich sofort erschossen worden – ohne Gerichtsverhandlung.« Das Gefängnis mit all der entwürdigenden Behandlung habe ihn zum Schriftsteller gemacht.

Mit diesem Hintergrund betrachtet Liao Yiwu die seiner Ansicht nach chaotische Welt und die prekäre Lage der Menschenrechte. Es sei ein Glück, dass die EU existiert. »Das ist ein Zeichen der Solidarität unter den Ländern.« Bundeskanzlerin Angela Merkels größte Leistung sei ihre unerschütterliche Verteidigung der Europäischen Union gewesen. »Angesichts der russischen Aggression ist eine geeinte EU heute die wichtigste Kraft, die die Ukraine unterstützt.« Dabei falle die USA als Träger der Menschenrechte unter Präsident Donald Trump weitgehend aus: »Er denkt nur ans Deal-machen und außerdem fehlt ihm jeder Zugang zur Ästhetik.«

Auch wenn Merkel mit ihrem berühmten Zitat »Wir schaffen das« viel für die Menschenrechte getan habe, kritisiert Liao Yiwu sie doch: »Die engen wirtschaftlichen Beziehungen Deutschlands mit Diktaturen wie Russland oder China waren und sind ein Fehler.« Aber Merkel habe sein Buch »Fräulein Hallo und der Bauernkaiser« sehr geschätzt. Als sie bei einem Besuch in China nach chinesischer Literatur gefragt worden sei, habe sie dieses Buch genannt und damit ihre Gastgeber in Verlegenheit gebracht.

»Ich habe Sehnsucht nach meiner Heimat in der Provinz Sichuan«, sagt der 67-Jährige, der seit 2011 in Berlin lebt. Aber in das China im heutigen Zustand möchte er nicht zurück, es wäre viel zu gefährlich. »Das deutsche Volk gefällt mir am besten«, sagt der Vielgereiste. Allerdings, gesteht er, habe er Schwierigkeiten mit dem deutschen Essen – mit einer Ausnahme: »Eisbein schmeckt mir wunderbar.«

Liao Yiwu: »18 Gefangene. Fluchtgeschichten aus China, dem größten Gefängnis der Welt«. Übersetzung Brigitte Höhenrieder, Hans Peter Hoffmann. 528 Seiten, Verlag S. Fischer, ISBN 978-3-10-397078-4

Auf dem Weg zum Verständnis für die Deutschen

Obwohl der afghanische Schriftsteller Taqi Akhlaqi seit gut vier Jahren in Deutschland lebt und nahezu perfekt deutsch spricht, kommt er immer wieder ins Grübeln über Sprache und Gepflogenheiten seines Gastlandes. So gibt es in seinem Heimatland und auch im Iran, wo er viele Jahre lebte, die strenge Regel, dass zuerst das »danke« und dann erst das »bitte« ausgesprochen wird. Aber warum nähert sich dann bitte die Kellnerin im deutschen Lokal und stellt ihm mit einem »bitte« den Teller auf den Tisch, ohne sein »danke« abzuwarten. Ist sie etwa unzufrieden oder hat er gar einen Fehler gemacht?

Dies ist nur eines der vielen Details über die Sprache, deutsche Besonderheiten und Kulturunterschiede, die er in seinem Buch »Versteh einer die Deutschen« mit viel Einfühlungsvermögen und Witz schildert.

Der 1986 geborene Akhlaqi gilt als einer der aktivsten und prominentesten Schriftsteller Afghanistans. Als er Kind war, wanderte seine Familie in den Iran aus, als 18-Jähriger kehrte er in seine Heimat zurück und studierte in Kabul internationale Beziehungen.

Den ersten Kontakt zu Deutschland hatte Akhlaqi in den Jahren 2016/17 dank eines Stipendiums der Heinrich-Böll-Stiftung. Mehrere Monate lang konnte er im Landhaus des deutschen Nobelpreisträgers in Langenbroich (NRW) in die deutsche Sprache und Literatur eintauchen. »Das war ein Wendepunkt in meinem Leben«, berichtet er. Denn Akhlaqi, der in einer religiösen Familie aufgewachsen war und den Koran auswendig gelernt hatte, las »Also sprach Zarathustra« von Friedrich Nietzsche (1844–1900). »Es ist geschrieben wie ein heiliges Buch – nur ohne Gott.«

Die Konflikte, mit denen Akhlaqi anschließend in Afghanistan lebte, werden deutlich, wenn er sagt, dass er Nietzsche in Kabul nur deshalb gefahrlos lesen konnte, weil es in deutscher Sprache geschrieben war. Denn ein Nietzsche-Zitat wie »Gott ist tot« würde in dem islamistischen Taliban-Staat anders bewertet als in Deutschland und wäre der sichere Weg in die Unfreiheit.

Akhlaqi berichtet, dass er dank Nietzsche die deutsche Sprache gerne gelernt hat. »Sie ist sehr schön anzuhören und sehr logisch.« Doch die Enttäuschung war groß, als er merkte, dass kaum ein Deutscher Nietzsche kannte. »Ich dachte, das wäre wichtig für alle.«

Deutsche Gewohnheiten sind durch die Jahre im hiesigen Exil die seinen geworden. Deshalb könnte er das Buch »Versteh einer die Deutschen« wegen der fehlenden Distanz nicht mehr schreiben. Und so sagt er, dass er manchmal zurück nach Afghanistan möchte, um aus der Ferne über Deutschland nachzudenken. So wie er das nach seinem Stipendium gemacht hat.

Deutsch ist für ihn die Sprache der Philosophie und Klarheit. Deutschland bedeutet für ihn Sicherheit. Dank seiner Herkunft in Afghanistan und dem Iran und dem Beherrschen mehrerer Sprachen ist Akhlaqi heute ein wichtiger Mitarbeiter in der Flüchtlingshilfe und kann damit seine Familie ernähren. Es sind für ihn allerdings auch wegen der internationalen Lage schwierige Zeiten. Doch können er und sein Publikum diesem Zustand doch noch etwas Positives abringen: »Denn Schmerzen und Leiden führen letztlich zu guter Literatur.«

Taqi Akhlaqi: »Versteh einer die Deutschen«. Übersetzung Jutta Himmelreich. 275 Seiten, Sujet-Verlag Bremen, ISBN 978-3-96202-135-1, 19,80 Euro

»Die Frau als Mensch« – Ein Blick in die Frühgeschichte der Menschheit

Schon immer hat sich die Comic-Künstlerin Ulli Lust für die Geschichte der Menschheit und die Rolle, die Frauen in ihr spielten, interessiert. »Insbesondere die Frühgeschichte war ein Steckenpferd von mir«, berichtet die Österreicherin bei der Lesung zur Graphic Novel »Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte« beim 1. Internationalen Literaturfestival Graal-Müritz.

Aber Biografien oder Geschichten von und über Frauen seien oft deprimierend, die literarischen Figuren arbeiteten sich meist an den Verboten ab, die ihnen auferlegt wurden. »Ich habe immer geliebäugelt mit der Vorstellung, ein Sachbuch zu zeichnen.« Denn das Problem für sie und viele andere Interessierte sei, dass Sachbücher sehr hohe Ansprüche an die Leserschaft stellen. Da breiteten Archäologen und Historiker ihre Forschungsergebnisse mit ganz vielen Verweisen aus. »Das ist extrem kompliziert zu lesen.«

Dass das auch ganz anders geht, beweist Lust mit dem 2025 erschienenen Buch »Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte«, mit dem sie sich in die Frühgeschichte der Menschheit begibt. Mit diesem vielschichtigen und gleichzeitig witzigen Werk setzt sie ihrer Leserschaft eine neue Brille auf, um diese Zeit und die Rolle der Frau aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Weg von dem patriarchal geprägten und zugleich eurozentrischen Blick, ist für Lust die Frau der aktivere Teil der frühen Menschheitsgeschichte.

Denn in diesen frühen Kulturen seien Weiblichkeit und Körperlichkeit nicht wie im Christentum zu einem riesigen Schuld- und Schamkomplex propagiert worden. »Die Vorstellung, als Frau ein positives Körpergefühl haben zu können und ich mich nicht ständig für das Weibliche schämen muss, fand ich einfach interessant und verführerisch«, sagt Lust. Und als Comic-Zeichnerin habe sie das Werkzeug dafür, solche Inhalte auf andere Art und Weise anschaulich zu machen. Sie präsentiert ihre Erkenntnisse anhand der überlieferten Lebensweisen indigener Gruppen, insbesondere der Khoisan-Buschleute in Namibia und Botswana. Sie gehören zu den ältesten Menschengruppen der Welt.

Die jahrelange Recherche beinhaltete auch einen längeren Aufenthalt in den Pyrenäen, wo Details für die richtige Mischung der Farbe Ocker geklärt wurden. Aus den unzähligen zusammengetragenen Materialien – beispielsweise welche Tiere damals lebten, wie die Landschaft aussah, welche Pflanzen es gab, die die Menschen nutzen konnten – habe sie dann versucht, die statistisch wahrscheinlichste Vergangenheit zu imaginieren. »Ich schätze es, mit dokumentarischen Stoffen zu arbeiten und zu versuchen, diese in eine sequenzielle Erzählung zu übersetzen.« Dass ihr das gelungen ist, zeigt nicht nur der kommerzielle Erfolg ihres Werks, sondern auch der Deutsche Sachbuchpreis, mit dem sie bereits ausgezeichnet wurde.

Ulli Lust, die seit 1995 in Berlin lebt, hat in der Vergangenheit mit Graphic Novels wie »Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens« oder »Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein« schon Erfolge und Beachtung gewonnen. Dass Graphic Novels heute so anerkannt sind, ist Literaturexperten zufolge maßgeblich ihr zu verdanken. Denn diese können mehr sein als lustige Taschenbücher, nämlich hohe Kunst und Literatur und damit ernstzunehmende Medien.

Ulli Lust: »Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte«. 256 Seiten, Reprodukt-Verlag Berlin 2025, ISBN 978-3-95640-445-0, 29,00 Euro


Texte: Joachim Mangler im Auftrag der Tourismus- und Kur GmbH Graal-Müritz


 

»Scheint mir das schönste Ostseefleckchen - hier will ich bleiben.«

- Alfred Kerr (1867 – 1948) -


Prospektbestellung Online-Blättermagazin